Ja.
Aber das ist die langweiligste Antwort.
Interessanter ist:
Warum?
Olivenöl besteht fast vollständig aus Fett.
Es ist energiereich.
Es enthält keine Ballaststoffe.
Kaum Protein.
Und trotzdem gehört es zu den Lebensmitteln, die in der Ernährungswissenschaft seit Jahrzehnten intensiv untersucht werden.
Das liegt zunächst an seinem Fettprofil.
Aber nicht nur.
Ist Fett nicht ungesund?
Diese Vorstellung ist überholt.
Fett ist ein essenzieller Bestandteil unserer Ernährung.
Es liefert Energie, ist Bestandteil biologischer Strukturen und ermöglicht unter anderem die Aufnahme fettlöslicher Vitamine.
Entscheidend ist deshalb nicht einfach:
Wie viel Fett?
Sondern auch:
Welches Fett?
Olivenöl besteht überwiegend aus Ölsäure, einer einfach ungesättigten Fettsäure.
Daneben enthält es kleinere Mengen gesättigter und mehrfach ungesättigter Fettsäuren.
Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist besonders relevant, welche Fette durch Olivenöl ersetzt werden.
Warum ist das Ersetzen so wichtig?
Weil Ernährung kein Additionsspiel ist.
Wenn Olivenöl anstelle von Butter verwendet wird, verändert sich nicht nur die Menge an Olivenöl.
Es verändert sich gleichzeitig die Art des Fettes, das nicht gegessen wird.
Genau deshalb betrachten Ernährungsempfehlungen häufig den Austausch von Nährstoffen und Lebensmitteln.
Ungesättigte Fettsäuren anstelle eines Teils gesättigter Fettsäuren zu konsumieren, kann sich günstig auf Blutfettwerte auswirken.
Olivenöl ist eine Möglichkeit, diesen Austausch praktisch umzusetzen.
Auf Brot.
In der Pfanne.
Im Dressing.
Beim Kochen.
Die bessere Frage ist manchmal nicht: Was esse ich?
Sondern: Was esse ich stattdessen?
Was steckt außer Fett in Olivenöl?
Mengenmäßig besteht Olivenöl fast vollständig aus Triglyceriden beziehungsweise Fettsäuren.
Daneben gibt es jedoch eine kleine sogenannte unverseifbare beziehungsweise minoritäre Fraktion.
Und klein bedeutet hier nicht uninteressant.
Dazu gehören unter anderem:
phenolische Verbindungen,
Tocopherole,
Squalen,
Phytosterole
und verschiedene Pigmente und Aromakomponenten.
Bei nativem Olivenöl bleiben zahlreiche dieser natürlichen Begleitstoffe erhalten, weil es direkt aus der Olive mit mechanischen beziehungsweise physikalischen Verfahren gewonnen wird.
Besonders intensiv erforscht werden die phenolischen Verbindungen.
Welche Rolle spielen Polyphenole?
Phenolische Verbindungen tragen unter anderem zur Bitterkeit, Schärfe und oxidativen Stabilität nativer Olivenöle bei.
Einige besitzen zudem biologische Eigenschaften, die wissenschaftlich intensiv untersucht werden.
Für bestimmte Olivenöl-Polyphenole existiert in der Europäischen Union sogar ein zugelassener Health Claim:
Olivenöl-Polyphenole tragen dazu bei, die Blutfette vor oxidativem Stress zu schützen.
Dieser Claim gilt allerdings nur, wenn das Öl definierte Voraussetzungen erfüllt.
Er ist kein allgemeines Versprechen für jedes Olivenöl.
Und schon gar keine Aussage, dass Olivenöl Krankheiten verhindert.
Ist Natives Olivenöl Extra gesünder als andere Olivenöle?
Hier wird die Antwort differenzierter.
Alle Olivenöle liefern überwiegend Ölsäure und damit ein grundsätzlich ähnliches Fettsäuremuster.
Natives Olivenöl Extra unterscheidet sich jedoch in seiner Herstellung.
Es wird direkt aus Oliven ausschließlich mit mechanischen beziehungsweise physikalischen Verfahren gewonnen und nicht raffiniert.
Dadurch bleiben zahlreiche natürliche Begleitstoffe der Olive erhalten.
Raffination kann unerwünschte Bestandteile aus einem Öl entfernen, reduziert dabei aber auch einen Teil seiner natürlichen phenolischen und aromatischen Verbindungen.
Aus Sicht dieser Begleitstoffe besitzt Natives Olivenöl Extra deshalb besondere Eigenschaften.
Das bedeutet trotzdem nicht, dass jedes Native Olivenöl Extra chemisch identisch ist.
Phenolgehalte können erheblich variieren.
Was sagt die Forschung über Herz und Kreislauf?
Hier ist die Evidenz besonders umfangreich.
Eine der bekanntesten Studien ist PREDIMED, eine große spanische Ernährungsintervention mit Menschen, die ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten.
Verglichen wurden unter anderem eine mediterrane Ernährung, ergänzt mit Nativem Olivenöl Extra, und eine Kontrollgruppe mit Empfehlungen zur Fettreduktion.
In der korrigierten und neu veröffentlichten Analyse traten in der Gruppe mit mediterraner Ernährung plus Nativem Olivenöl Extra weniger schwere kardiovaskuläre Ereignisse auf als in der Kontrollgruppe.
Auch zahlreiche Beobachtungsstudien zeigen einen Zusammenhang zwischen höherem Olivenölkonsum und einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Eine Meta-Analyse prospektiver Kohortenstudien fand beispielsweise bei höherem Olivenölkonsum ein geringeres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Gesamtsterblichkeit.
Das ist substanzielle Evidenz.
Aber auch hier ist eine Grenze wichtig.
Beweist PREDIMED, dass Olivenöl Herzinfarkte verhindert?
Nein.
PREDIMED untersuchte keine Flasche Olivenöl isoliert.
Es untersuchte ein mediterranes Ernährungsmuster, das mit Nativem Olivenöl Extra beziehungsweise in einer zweiten Interventionsgruppe mit Nüssen ergänzt wurde.
Zu diesem Ernährungsmuster gehörten auch:
viel Gemüse,
Obst,
Hülsenfrüchte,
Nüsse,
Getreide,
Fisch
und vergleichsweise wenig rotes und verarbeitetes Fleisch.
Deshalb wäre die Aussage
„Olivenöl reduziert das Herzinfarktrisiko um X Prozent“
eine zu starke Vereinfachung der Studie.
Was PREDIMED überzeugend zeigt, ist etwas anderes:
Eine mediterrane Ernährungsweise, in der Olivenöl eine zentrale Fettquelle darstellt, kann ein gesundes Ernährungsmuster sein.
Olivenöl war Teil der Intervention.
Nicht die gesamte Intervention.
Und was sagen Beobachtungsstudien?
Sie ergänzen dieses Bild.
Große prospektive Kohorten haben Menschen über viele Jahre begleitet und ihren Olivenölkonsum mit späteren gesundheitlichen Ereignissen verglichen.
Dabei wurde höherer Olivenölkonsum unter anderem mit geringerer Gesamtsterblichkeit und geringerem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht.
Solche Studien sind wertvoll.
Sie können jedoch nicht dieselbe Kausalität zeigen wie eine kontrollierte Intervention.
Menschen, die regelmäßig Olivenöl verwenden, können sich auch in anderen Bereichen unterscheiden:
Ernährung.
Bewegung.
Rauchen.
Einkommen.
Gesundheitsverhalten.
Statistische Modelle versuchen solche Faktoren zu berücksichtigen.
Vollständig verschwinden sie dadurch nicht.
Zusammenhang ist Evidenz.
Aber nicht automatisch Ursache.
Was ist mit Krebs?
Hier sollte man vorsichtiger sein.
Beobachtungsstudien und Meta-Analysen untersuchen Zusammenhänge zwischen mediterraner Ernährung, Olivenölkonsum und verschiedenen Krebsarten.
Daneben gibt es zahlreiche experimentelle Untersuchungen zu einzelnen Inhaltsstoffen des Olivenöls.
Das ist ein aktives Forschungsfeld.
Die Evidenz erlaubt jedoch keine seriöse allgemeine Aussage:
Olivenöl schützt vor Krebs.
Noch weniger:
Olivenöl behandelt Krebs.
Ein Lebensmittel kann Teil eines günstigen Ernährungsmusters sein, ohne Arzneimittel zu werden.
Was ist mit Alzheimer und Demenz?
Auch hier gibt es interessante Forschung.
Prospektive Beobachtungsstudien haben Zusammenhänge zwischen mediterraner Ernährung beziehungsweise Olivenölkonsum und kognitiven Gesundheitsparametern untersucht.
Gleichzeitig werden einzelne phenolische Verbindungen wie Oleocanthal in präklinischen Modellen auf mögliche neurobiologische Mechanismen untersucht.
Die Ergebnisse sind wissenschaftlich interessant.
Aber sie rechtfertigen nicht die Aussage, Olivenöl verhindere oder behandle Alzheimer.
Zwischen einem Mechanismus im Labor und einer medizinischen Wirkung beim Menschen liegt ein langer Weg.
Wirkt Olivenöl entzündungshemmend?
Bestimmte Inhaltsstoffe nativen Olivenöls zeigen in experimentellen Untersuchungen Wirkungen auf entzündungsbezogene Signalwege.
Oleocanthal ist das bekannteste Beispiel.
Auch Ernährungsinterventionen mit mediterranen Ernährungsmustern wurden hinsichtlich verschiedener Entzündungsmarker untersucht.
Aber auch hier sollte aus einem komplexen Forschungsfeld kein Etikettenversprechen werden.
„Entzündungshemmend“ klingt nach einer einfachen Eigenschaft.
Biologie ist selten so einfach.
Hilft Olivenöl beim Abnehmen?
Olivenöl besitzt ungefähr dieselbe hohe Energiedichte wie andere Speiseöle und Fette.
Es ist deshalb kein kalorienfreier Gesundheitstrick.
Wer zusätzlich zu seiner bisherigen Ernährung große Mengen Olivenöl konsumiert, nimmt auch zusätzliche Energie auf.
Gleichzeitig zeigen Untersuchungen mediterraner Ernährungsmuster, dass eine Ernährung mit einem relevanten Anteil gesunder Fette durchaus mit Gewichtskontrolle vereinbar sein kann.
Auch hier ist das Muster wichtiger als ein einzelner Löffel.
Gesund bedeutet nicht kalorienlos.
Wie viel Olivenöl sollte man am Tag essen?
Dafür gibt es keine universelle medizinische Zahl, die für jeden Menschen gilt.
Der Energiebedarf unterscheidet sich.
Ebenso Ernährung, Körpergröße, Aktivität und gesundheitliche Situation.
Die häufig genannten 20 Gramm pro Tag stammen unter anderem aus den Bedingungen des europäischen Health Claims für bestimmte Olivenöl-Polyphenole.
Sie sind nicht als allgemeine optimale Tagesdosis für Olivenöl zu verstehen.
In mediterranen Ernährungsstudien wurden teilweise deutlich größere Mengen verwendet.
Daraus lässt sich ebenfalls keine universelle Dosis ableiten.
Olivenöl ist ein Lebensmittel.
Keine Tablette.
Muss man Olivenöl roh essen, damit es gesund bleibt?
Nein.
Natives Olivenöl kann auch zum Kochen und Erhitzen verwendet werden.
Wärme kann bestimmte Inhaltsstoffe verändern und bei sehr hohen Temperaturen beziehungsweise langer thermischer Belastung Abbauprozesse fördern.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Olivenöl beim Erwärmen plötzlich zu einem ungesunden Fett wird.
Sein Fettsäureprofil verschwindet nicht, sobald eine Pfanne warm wird.
Wie sich Olivenöl beim Erhitzen verhält, behandeln wir deshalb separat.
Ist mehr Olivenöl automatisch gesünder?
Nein.
Das ist vielleicht die einfachste Falle.
Wenn ein Lebensmittel mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden wird, entsteht schnell die Vorstellung:
mehr davon = mehr Gesundheit.
So funktioniert Ernährung nicht.
Olivenöl kann eine günstige Fettquelle sein.
Aber es ersetzt weder Gemüse noch Hülsenfrüchte.
Keine Bewegung.
Keinen Schlaf.
Keine medizinische Behandlung.
Und auch keine insgesamt ausgewogene Ernährung.
Die Forschung zur mediterranen Ernährung ist gerade deshalb so interessant, weil sie nicht von einem einzelnen Wunderstoff handelt.
Sondern von einem Muster.
Ist Olivenöl also gesund?
Ja.
Diese Antwort lässt sich wissenschaftlich gut vertreten.
Besonders als überwiegend ungesättigte Fettquelle innerhalb einer ausgewogenen, pflanzenbetonten Ernährung.
Für mediterrane Ernährungsmuster mit Olivenöl existiert robuste Evidenz insbesondere hinsichtlich der Herz-Kreislauf-Gesundheit.
Natives Olivenöl bringt darüber hinaus phenolische und weitere natürliche Begleitstoffe mit, die ernährungswissenschaftlich interessant sind.
Aber Olivenöl ist kein Medikament.
Kein Gegenmittel für eine schlechte Ernährung.
Und kein Grund, Wissenschaft in Superlative zu verwandeln.
Vielleicht liegt gerade darin seine Stärke.
Es muss kein Superfood sein.
Es darf einfach Lebensmittel sein.