Woran erkennt man gutes Olivenöl?

Gutes Olivenöl erkennt man nicht an einem einzigen Merkmal. Auf dem Etikett sind die Güteklasse Natives Olivenöl Extra, eine nachvollziehbare Herkunft und Angaben zu Produzent, Ernte oder Olivensorten hilfreiche Orientierung. Entscheidend ist aber auch die Sensorik: Ein hochwertiges Öl sollte fruchtig und frei von sensorischen Fehlern sein. Bitterkeit und Pikanz können positive Merkmale sein. Farbe, hoher Preis oder eine italienisch wirkende Verpackung beweisen dagegen keine Qualität.

Das Etikett ist ein Anfang

Wer vor einem Regal voller Olivenöl steht, kann die Qualität nicht vollständig beurteilen.

Aber man kann Hinweise sammeln.

Der erste ist die Güteklasse. Natives Olivenöl Extra ist die höchste gesetzliche Kategorie für Olivenöl. Dafür gelten chemische Grenzwerte und sensorische Anforderungen.

Die Bezeichnung allein sagt allerdings noch nicht, wie interessant, frisch oder sorgfältig produziert ein Öl ist.

Deshalb lohnt sich ein zweiter Blick.

Eine konkret benannte Herkunft macht ein Öl nachvollziehbarer als eine sehr allgemeine Herkunftsangabe. Angaben zu Produzent, Erntezeitraum, Olivensorten oder Charge können zusätzliche Transparenz schaffen.

Nicht jede dieser Angaben ist gesetzlich vorgeschrieben. Und ihr Fehlen macht ein Öl nicht automatisch schlecht.

Aber je genauer ein Produzent beschreibt, was in der Flasche steckt und woher es kommt, desto mehr lässt sich vor dem Öffnen überhaupt beurteilen.

Farbe ist kein Qualitätsmerkmal

Grün sieht frisch aus.

Goldgelb vielleicht reif.

Beides kann täuschen.

Die Farbe eines Olivenöls hängt unter anderem von Sorte, Reifegrad und natürlichen Pigmenten ab. Sie erlaubt keine zuverlässige Aussage darüber, ob ein Öl sensorisch gut oder schlecht ist.

Professionelle Verkoster arbeiten deshalb mit gefärbten Verkostungsgläsern, damit die Farbe ihre Beurteilung möglichst nicht beeinflusst.

Ein intensiv grünes Öl ist also nicht automatisch besser als ein goldgelbes.

Es ist zunächst nur grüner.

Die Nase sagt mehr

Nach dem Öffnen wird es interessanter.

Ein wichtiges positives Merkmal nativer Olivenöle ist die Fruchtigkeit. Der Begriff bezeichnet in der professionellen Sensorik die Gesamtheit der Geruchseindrücke, die charakteristisch für Öl aus gesunden, frischen Oliven sind.

Das bedeutet nicht, dass Olivenöl nach Obstsalat riechen muss.

Je nach Sorte und Reife können Eindrücke entstehen, die an frisch geschnittenes Gras, Kräuter, grüne Tomate, Artischocke, Mandel oder andere pflanzliche Aromen erinnern.

Welche dieser Noten man persönlich bevorzugt, ist Geschmackssache.

Dass bei Nativem Olivenöl Extra überhaupt Fruchtigkeit wahrnehmbar sein muss, dagegen nicht. Sie gehört zu den Kriterien der Güteklasse.  

Bitter ist nicht automatisch schlecht

Bei vielen Lebensmitteln lernen wir, Bitterkeit als Warnsignal zu verstehen.

Bei Olivenöl kann sie genau das Gegenteil sein.

Bitterkeit gehört zu den definierten positiven sensorischen Eigenschaften nativer Olivenöle.

Wie intensiv sie ausfällt, hängt unter anderem von Sorte, Reifegrad und Zusammensetzung des Öls ab.

Das bedeutet nicht:

Je bitterer, desto besser.

Ein ausgezeichnetes Öl kann kräftig bitter sein. Ein anderes deutlich zurückhaltender. Qualität entsteht nicht dadurch, dass ein einzelnes sensorisches Merkmal möglichst intensiv ausfällt.

Wichtig ist zunächst, Bitterkeit nicht mit einem Fehler zu verwechseln.

Auch das Kratzen darf sein

Ähnliches gilt für Pikanz.

Damit bezeichnet die Olivenölsensorik die stechende oder leicht brennende Empfindung, die bei manchen Ölen besonders im Rachen deutlich wird.

Sie kann sanft sein.

Oder überraschend kräftig.

Auch Pikanz ist ein positives sensorisches Attribut nativer Olivenöle.  

Warum bestimmte Olivenöle im Hals kratzen und welche Rolle dabei phenolische Verbindungen wie Oleocanthal spielen, ist eine eigene Frage. Für die Qualitätsbeurteilung genügt zunächst:

Pikanz ist kein Defekt.

Und auch hier gilt: Mehr bedeutet nicht automatisch besser.

Wichtiger als Intensität sind Fehler

Professionelle Verkoster beurteilen nicht nur positive Eigenschaften.

Sie suchen gezielt nach sensorischen Defekten.

Diese können beispielsweise durch beschädigte Früchte, ungünstige Lagerung vor der Verarbeitung, Gärungsprozesse oder Oxidation entstehen.

Ein bekanntes Beispiel ist Ranzigkeit. Sie entsteht im Zusammenhang mit Oxidation und kann an alte Nüsse, Wachs oder andere abgestandene Fettaromen erinnern.

Daneben gibt es weitere offiziell definierte Fehlerbilder, etwa modrig-feuchte, schlammige oder essigartig-weinige Eindrücke.

Für die Einstufung als Natives Olivenöl Extra ist dieser Punkt entscheidend: Der Median des am stärksten wahrgenommenen Fehlers muss bei 0,0 liegen, während Fruchtigkeit vorhanden sein muss.  

Das ist wesentlich aussagekräftiger als die Vorstellung, ein gutes Öl müsse einfach besonders intensiv schmecken.

Kann man gutes Olivenöl zu Hause erkennen?

Bis zu einem gewissen Punkt.

Man kann riechen.

Man kann schmecken.

Man kann lernen, Fruchtigkeit wahrzunehmen und Bitterkeit oder Pikanz richtig einzuordnen. Und deutliche Anzeichen von Ranzigkeit oder anderen Fehlern lassen sich mit etwas Erfahrung ebenfalls erkennen.

Was man zu Hause nicht kann, ist eine professionelle sensorische Klassifizierung ersetzen.

Die offizielle Beurteilung nativer Olivenöle erfolgt durch geschulte Panels nach einer standardisierten Methode. Auch chemische Qualitätsparameter lassen sich selbstverständlich nicht erschmecken.

Die eigene Verkostung ist deshalb kein Labor.

Aber sie ist auch nicht wertlos.

Sie beantwortet zwei sehr unterschiedliche Fragen:

Zeigt dieses Öl sensorische Eigenschaften, die zu einem guten nativen Olivenöl passen?

Und danach:

Schmeckt mir dieses Öl?

Das eine ist Qualitätsbeurteilung.

Das andere persönlicher Geschmack.

Beides ist wichtig. Aber es ist nicht dasselbe.

Was hilft beim Kauf?

Vor dem Öffnen bleiben nur Indizien.

Nach dem Öffnen kommt die Sensorik hinzu.

Für den Alltag ergibt sich daraus ein einfacher Blick auf die Flasche:

Güteklasse: Natives Olivenöl Extra ist die höchste Kategorie.

Herkunft: Je konkreter nachvollziehbar, desto mehr Transparenz.

Frische: Ein Erntejahr oder Erntezeitraum kann hilfreicher sein als allein das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Produzent und Sorte: Solche Angaben können zeigen, wie transparent ein Öl beschrieben wird.

Verpackung: Lichtschutz hilft dabei, vorhandene Qualität zu bewahren.

Und schließlich:

Geruch und Geschmack: Fruchtigkeit ist entscheidend. Bitterkeit und Pikanz dürfen ausdrücklich vorhanden sein. Sensorische Defekte nicht.

Keines dieser Merkmale allein beweist außergewöhnliche Qualität.

Zusammen erzählen sie deutlich mehr.

Quellen

eur-lex.europa.eu www.internationaloliveoil.org
WISSEN – Answers worth knowing.