Manche Erinnerungen kündigen sich an.
Man sucht ein altes Foto.
Öffnet eine Schublade.
Fährt zurück an einen Ort.
Und manche stehen plötzlich in der Küche.
Ohne Einladung.
Es braucht vielleicht nur den Geruch von Kaffee.
Tomaten in einer heißen Pfanne.
Sonnencreme auf warmer Haut.
Oder Chlor.
Und plötzlich ist da etwas, an das man seit Jahren nicht gedacht hat.
Kein vollständiger Gedanke.
Erst ein Gefühl.
Dann ein Ort.
Vielleicht ein Mensch.
Manchmal ein ganzes Leben für ein paar Sekunden.
Die Erinnerung, nach der niemand gesucht hat
Marcel Proust brauchte dafür eine Madeleine.
Genauer gesagt ein kleines Stück davon, in Tee getaucht.
In Auf der Suche nach der verlorenen Zeit löst dieser Geschmack eine Erinnerung an seine Kindheit aus. Nicht als bewusstes Nachdenken. Sie kommt.
Mehr als hundert Jahre später trägt ein Forschungsfeld seinen Namen.
Der Proust-Effekt beschreibt autobiografische Erinnerungen, die durch Sinneseindrücke, besonders Gerüche und Geschmack, ausgelöst werden.
Und Proust hatte mit seiner Beobachtung etwas Interessantes getroffen.
Gerüche können Erinnerungen hervorrufen, die sich anders anfühlen als jene, die durch Worte oder Bilder ausgelöst werden.
Studien zeigen, dass geruchsinduzierte autobiografische Erinnerungen besonders emotional erlebt werden können. Menschen berichten häufiger von dem Gefühl, in den damaligen Moment zurückversetzt zu werden. Manche Untersuchungen finden außerdem, dass solche Erinnerungen vergleichsweise weit zurückreichen und besonders häufig aus der frühen Kindheit stammen. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)
Ein Geruch erinnert uns dann nicht einfach an einen Ort.
Für einen Moment fühlt es sich an, als wären wir wieder dort.
Geschmack ist mehr als Zunge
Vielleicht müssen wir dafür zunächst klären, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Geschmack sprechen.
Süß.
Sauer.
Salzig.
Bitter.
Umami.
Das kann unsere Zunge ziemlich gut.
Aber vieles von dem, was wir im Alltag als Geschmack bezeichnen, entsteht nicht auf der Zunge allein.
Beim Kauen und Schlucken gelangen flüchtige Aromastoffe aus dem Mundraum über den Rachen zur Nase. Dort werden sie vom Geruchssystem wahrgenommen.
Retronasales Riechen nennt man das.
Wir erleben es als Teil des Geschmacks, obwohl unsere Nase erheblich daran beteiligt ist. (pmc.ncbi.nlm.nih.gov)
Deshalb schmeckt Essen mit einer verstopften Nase plötzlich erstaunlich uninteressant.
Und deshalb kann ein Gericht weit mehr mit sich tragen als süß, sauer, salzig, bitter oder umami.
Den Geruch einer Küche.
Einen Raum.
Eine Jahreszeit.
Einen Menschen.
Vielleicht sogar eine Zeit unseres Lebens.
Eine ziemlich alte Verbindung
Geruch und Erinnerung haben eine besondere Beziehung.
Nicht, weil unsere Nase irgendwo ein geheimes Archiv besitzt, in dem Großmutters Küche neben dem ersten Urlaub und dem Geruch des Freibads abgelegt wurde.
So einfach ist es nicht.
Aber das olfaktorische System ist eng mit Hirnregionen verbunden, die an Emotion, Lernen und Gedächtnis beteiligt sind. Dazu gehören unter anderem Amygdala und Hippocampus. Diese neuroanatomische Nähe gilt als ein wichtiger Teil der Erklärung dafür, warum Gerüche so starke emotionale und autobiografische Reaktionen auslösen können.
Der Rest entsteht im Leben.
Wir lernen Gerüche in Situationen kennen.
Kaffee ist irgendwann nicht mehr nur Kaffee.
Er kann Morgen sein.
Arbeit.
Ein bestimmtes Café.
Eine Person gegenüber am Tisch.
Sonnencreme riecht nicht einfach nach Sonnencreme.
Vielleicht riecht sie nach sechs Wochen Ferien.
Chlor nicht nur nach Chlor.
Sondern nach dem Schwimmbad, in dem man zum ersten Mal vom Dreimeterbrett gesprungen ist.
Gerüche werden Teil von Erfahrungen.
Und Erfahrungen Teil von uns.
Warum so oft die Kindheit?
Das Merkwürdige ist, wie weit manche dieser Erinnerungen zurückreichen.
In Untersuchungen mit älteren Erwachsenen lagen durch Gerüche ausgelöste autobiografische Erinnerungen häufiger in der ersten Lebensdekade als Erinnerungen, die durch Wörter oder Bilder hervorgerufen wurden. Sie waren außerdem stärker mit dem Gefühl verbunden, in die damalige Zeit zurückversetzt zu werden. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)
Warum genau das so ist, ist komplizierter als die schöne Vorstellung eines direkten Weges von der Nase in die Kindheit.
Aber vielleicht erklärt es zumindest ein alltägliches Phänomen.
Wir können vergessen, wie eine Küche aussah.
Welche Farbe die Wände hatten.
Was auf dem Tisch stand.
Vielleicht sogar, worüber gesprochen wurde.
Und dann riecht irgendwo etwas genauso wie damals.
Plötzlich ist der Raum wieder da.
Nicht unbedingt vollständig.
Aber erstaunlich nah.
Wir schmecken Vergangenheit
Vielleicht ist Geschmack deshalb nie vollkommen objektiv.
Zwei Menschen können dasselbe essen.
Die gleiche Tomate.
Das gleiche Brot.
Das gleiche Stück dunkle Schokolade.
Das gleiche Olivenöl.
Auf dem Teller liegt dasselbe.
Biografisch nicht.
Der eine kennt den Geschmack seit seiner Kindheit.
Der andere probiert ihn zum ersten Mal.
Für einen ist Bitterkeit vertraut.
Für den anderen fremd.
Einer verbindet einen Geruch mit Ferien.
Der andere mit einem Krankenhaus.
Ein Aroma besitzt keine gemeinsame Biografie.
Wir geben sie ihm.
Wir schmecken nicht nur, was vor uns liegt. Wir schmecken manchmal auch, was hinter uns liegt.
Der erste Geschmack ist noch keine Erinnerung
Vielleicht ist das auch der Grund, warum manche Dinge Zeit brauchen.
Beim ersten Espresso gibt es noch kein Ritual.
Beim ersten Glas eines bestimmten Weins noch keinen Sommer, der daran hängt.
Beim ersten Gericht in einer fremden Stadt noch keine Geschichte, zu der man zurückkehren könnte.
Zuerst ist da nur der Geschmack.
Dann passiert Leben darum herum.
Ein Tisch.
Ein Gespräch.
Ein Abend.
Eine Reise.
Jemand, der später vielleicht nicht mehr mit am Tisch sitzt.
Und irgendwann begegnet uns derselbe Geruch wieder.
Jetzt schmeckt er anders.
Nicht unbedingt, weil sich das Lebensmittel verändert hat.
Sondern weil wir es getan haben.
Ein Ort kann essbar sein
In Sizilien kann das der Geruch von Tomaten sein.
Von Zitrusfrüchten.
Von Brot.
Von Kräutern in der Hitze.
Von Oliven, die gerade verarbeitet werden.
Für jemanden, der dort aufgewachsen ist, bedeuten diese Gerüche etwas anderes als für jemanden, der gerade aus dem Flugzeug gestiegen ist.
Beim ersten Mal ist es vielleicht nur interessant.
Beim zweiten vertrauter.
Und irgendwann reicht vielleicht ein einziger Geruch, Tausende Kilometer entfernt.
Dann ist der Ort wieder da.
Vielleicht funktioniert Herkunft deshalb anders, als wir häufig über sie sprechen.
Sie ist nicht nur eine Koordinate.
Nicht nur ein Name auf einem Etikett.
Nicht nur die Antwort auf die Frage, wo etwas produziert wurde.
Ein Ort besteht auch aus Dingen, die man riechen und schmecken kann.
Und manche davon nehmen wir mit.
Was bleibt
Vielleicht erinnern wir uns deshalb an manche Mahlzeiten ein Leben lang.
Nicht unbedingt, weil sie die besten waren.
Vielleicht waren sie es nicht einmal.
Aber jemand saß mit am Tisch.
Oder wir waren irgendwo zum ersten Mal.
Oder zum letzten.
Vielleicht war die Pasta zu weich.
Der Wein zu warm.
Das Brot vom Morgen.
Vollkommen egal.
Erinnerung führt keine Restaurantkritik.
Sie behält andere Dinge.
Ein Geräusch.
Eine Stimme.
Licht durch ein Fenster.
Den Geruch aus der Küche.
Und manchmal einen Geschmack.
Jahre später braucht es davon nur einen kleinen Teil.
Dann kommt etwas zurück.
Nicht weil wir danach gesucht haben.
Sondern weil unsere Sinne schneller waren.
Manche Erinnerungen kommen nicht zurück.
Sie riechen plötzlich wieder.
Vielleicht sind Orte deshalb nicht nur Dinge, an die wir uns erinnern.
Manche tragen wir mit uns herum.
In Bildern.
In Geräuschen.
In Gerüchen.
Im Geschmack.
Für manche ist es Olivenöl.
Für uns ein Ort.